Die Ausgangslage der deutschen Frauenbewegung

Als Gründerin der deutschen Frauenbewegung gilt Louise Otto-Peters (1819 bis 1895), die von der politischen Begeisterung ihrer Zeit und von den weltanschaulichen Ideen jener Epoche von Freiheit, Gleichheit und Selbstständigkeit ganz erfasst worden war und wegen ihrer politischen Poesie als „Lerche des Völkerfrühlings“ gefeiert wurde. 1849 gründete sie eine eigene politische Frauen-Zeitung, der sie das Motto verlieh: „Dem Reich der Freiheit werb‘ ich Bürgerinnen“. Die erste Generation der Frauenbewegung, der neben Louise Otto-Peters auch Auguste Schmidt (1833 bis 1902) und Henriette Goldschmidt (1825 bis 1920) als führende Köpfe angehörten, glaubte, ihr Ziel, den Frauen Selbstständigkeit und Mündigkeit zu erkämpfen, nur über das Recht auf Bildung und Arbeit zu erreichen. Die Befreiung der Frau sollte jedoch nicht Selbstzweck sein, sondern „der Gesellschaft nutzen“ und „dem Fortschritt der Menschheit“ bis hin zur Verringerung des bestehenden sozialen Elends und dem Abbau der sozialen Klassengegensätze dienen. Nicht nur für sich selbst wurde das Recht auf Bildung und Arbeit gefordert, sondern um einen Beitrag „am Dienst der Menschheit“ und vor allem an seiner „Vervollkommnung“ leisten zu können.

Im 19. Jahrhundert gab es vornehmlich vier verschiedene Gruppen von Frauen, die sich in ihrer Daseinsform stark unterschieden:

  1. Die Frauen und Töchter der bürgerlichen Mittel- und Oberschicht ohne ein Anrecht auf Arbeit (mit Ausnahme des Gouvernanten-, Lehrerinnen- oder Gesellschafterinnenberufs bei Ledigen),
  2. die in der Landwirtschaft, im Handel und Gewerbe tätigen Frauen,
  3. die Fabrikarbeiterinnen und
  4. die unverheirateten Dienstmädchen sowie verheirateten Dienstboten (z. B. Wäscherinnen, Köchinnen für besondere Anlässe usw.).

Die ersten Vertreterinnen der organisierten Frauenbewegung waren Vertreterinnen der ersten Gruppe und forderten das Recht auf Erwerbsarbeit auch für ihre Schicht. Sie wollten nicht ihre Daseinserfüllung allein im Warten auf die standesgemäße Heirat sehen und in der Lage sein, ihren Lebensunterhalt selbst „standesgemäß“ zu verdienen und sich damit von der Herkunftsfamilie zu „emanzipieren“.

1865 schlossen sich erstmals in der deutschen Geschichte Frauen zusammen, um sich für die Anliegen der weiblichen Bevölkerung einzusetzen. Vom 16. bis 19. Oktober 1865, den Gedenktagen der Völkerschlacht, lud Louise Otto-Peters zur ersten Frauenkonferenz in Deutschland ein, der 120 Frauen sowie August Bebel folgten. Zum ersten Mal wurde eine große öffentliche Versammlung von einer Frau geleitet. Dieses Ereignis rief in der zeitgenössischen Presse Aufmerksamkeit und Aufregung hervor und wurde auch als „Leipziger Frauenschlacht“ bezeichnet. Auf dieser Konferenz wurde der „Allgemeine Deutsche Frauenverein“ gegründet, dessen Ziel es war, die „erhöhte Bildung des weiblichen Geschlechts und die Befreiung der weiblichen Arbeit von allen Hindernissen“ zu erkämpfen. Erste Vorsitzende wurde Louise Otto-Peters. Mit der Gründung dieses Vereins begann in Deutschland die organisierte Frauenbewegung. Neben jährlichen Mitgliederversammlungen, die als „Deutsche Frauentage“ an verschiedenen Orten stattfanden, wurde eine eigene Vereinszeitschrift mit dem Titel „Die neuen Bahnen“ herausgegeben, die 14-tägig bis 1920 erschien und die „dem weiblichen Fortschritt“ dienen sollte und demnach keine Modebilder, Rezepte oder Schnittmuster enthielt.