Die bürgerliche Frauenbewegung von 1865 bis 1894

Mit der vorgenannten Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF) unter Vorsitz von Louise Otto-Peters und Auguste Schmidt begann in Deutschland die organisierte Frauenbewegung. Der Verein griff die zum Teil noch heute aktuellen Themen auf: Forderung nach Industrie- und Handelsschulen für Mädchen, nach Arbeiterinnenschutz, Mutterschutz, Chancengleichheit im Beruf, nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit, gleicher Gewerbefreiheit für Frauen und dem Frauenwahlrecht. Ein Schwerpunkt der Aktivitäten war die Veranstaltung von literarischen, historischen und naturkundlichen Vortragsabenden, zu denen auch Arbeiterinnen eingeladen wurden. Der ADF begann mit einer Mitgliederzahl von 34, verdoppelte diese im ersten Jahr und nach fünf Jahren war die Zahl auf 10.000 angewachsen.

Am 27. Februar 1866 wurde in Berlin der „Verein zur Förderung der Erwerbstätigkeit des weiblichen Geschlechts“ unter Vorsitz von Dr. Adolph Lette gegründet. Ziele des Vereins waren:

  1. „Beseitigung der der Erwerbstätigkeit der Frauen entgegenstehenden Vorurteile und Hindernisse,
  2. Beförderung von Lehranstalten zur Heranbildung für einen kommerziellen und gewerblichen Zweck,
  3. Nachweise gewerblicher Lehrgelegenheiten und Vermittlung der Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen,
  4. Begründung von Verkaufs- und Ausstellungslokalen für weibliche Handarbeiten und künstlerische Erzeugnisse,
  5. Schutz selbstständig beschäftigter Personen weiblichen Geschlechts gegen Benachteiligung in sittlicher oder wirtschaftlicher Beziehung, vorzugsweise durch Nachweisung geeigneter Gelegenheiten für Wohnung und Beköstigung.“

Dieser Verein wurde wegen der männlichen Führung nicht von allen Vertreterinnen der Frauenbewegung als einer der ihren anerkannt. Weitere Frauenerwerbsvereine wurden nachfolgend überall in Deutschland errichtet.

Die Idee einer umfassenden Dachorganisation aller Frauenbestrebungen wurde mit dem Zusammenschluss der bestehenden Frauenverbände zum „Bund Deutscher Frauenvereine“ (BDF) am 29. März 1904 umgesetzt. 1888 war in den USA der „International Council of Women“ (ICW) gegründet worden, dem sich der BDF unter Vorsitz von Auguste Schmidt anschloss. Durch den Zusammenschluss der hinsichtlich der auf Zielsetzungen und Strategien sehr heterogenen Vereinigungen wie z. B. Bildungs- und Berufsvereine, sozial karitative oder konfessionelle Vereine und Frauenstimmrechtsvereine, wurden zunächst Richtungskämpfe innerhalb des neu gegründeten Vereins ausgelöst. Durch den Verlust der radikalen Strömungen an Gewicht und die Stärkung der konservativen Mitglieder büßte der BDF an Veränderungskraft ein.