Die proletarische Frauenbewegung von 1860 bis 1917

Die organisierte proletarische Frauenbewegung setzte in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts ein. Auf Kosten der höher zu bezahlenden männlichen Arbeitskräfte war die Zahl der Fabrikarbeiterinnen angestiegen, sodass viele Frauen anstelle ihrer arbeitslosen Männer selbst für die Existenzsicherung der Familie zu sorgen hatten. Ein Teil der Arbeiter forderte daher die Abschaffung der Fabrikarbeit für Frauen in der Hoffnung, durch ein geringeres Arbeitskräfteangebot die eigenen Löhne aufbessern bzw. überhaupt eine Arbeitsstelle erhalten zu können. Dieser Auffassung trat u.a. Clara Zetkin entschieden entgegen, die forderte, nicht die industrielle Frauenarbeit selbst sei abzuschaffen, sondern die Form, in der sie ausgeführt werde. In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts bahnte sich innerhalb der Arbeiterorganisation eine Änderung in der Haltung zur Frauenfrage an. Anteil an dieser Entwicklung hatte das 1879 erschienene Buch „Die Frau und der Sozialismus“ von August Bebel, das das Bewusstsein der Frauen selbst sehr beeinflusste. Erstmalig wurden Forderungen für die Frauen von der Gesamtheit der Arbeiterorganisationen aufgestellt, wie beispielsweise die Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit, nach einem Arbeiterinnenschutz (1877 Forderung an den Reichstag, 1891 faktische Einführung), nach dem Wahlrecht, gleichen Bildungschancen, privatrechtlicher Gleichstellung, nach Mutterschutz und Beseitigung der Gesindeordnung zur Befreiung der Dienstboten. Seit 1890 erschien eine eigene Frauenzeitschrift, zunächst mit dem Titel „Die Arbeiterin“ unter der Leitung von Emma Ihrer, seit 1891 „Die Gleichheit“, herausgegeben von Clara Zetkin.

Als wichtigstes Unterscheidungsmerkmal zwischen der proletarischen und der bürgerlichen Frauenbewegung betonte Clara Zetkin, dass die bürgerliche Frauenbewegung einen Kampf gegen die Männer der eigenen Klasse führe, während die Proletarierinnen gemeinsam mit den Männern ihrer Klasse für die Abschüttelung der Kapitalherrschaft kämpften. Die Spaltung der sozialistischen Partei 1917 in einen sozialdemokratischen und einen kommunistischen Teil führte zu einer entsprechenden Teilung der proletarischen Frauenbewegung.