Zusammenfassender Rückblick

Erste Erfolge konnte die Frauenbewegung im 19. Jahrhundert zunächst nur auf dem Bildungs- und Berufssektor verzeichnen. 1896 bestanden die ersten sechs Abiturientinnen in Berlin das Abitur, wobei ein Studium mit Abschlussexamen nur im Ausland möglich war. Ab 1895/96 wurden Frauen als Gasthörerinnen in den Universitäten Göttingen und Berlin aufgenommen. Ab 1900 erhielten die Frauen das lange erkämpfte Immatrikulationsrecht, 1920 das Habilitationsrecht und durften ab 1922 in den Justizdienst eintreten und Richterinnen werden. Zwischen 1908 und 1933 promovierten 10.595 Frauen, doch nur 54 wurden Dozentinnen, 24 Professorinnen und lediglich zwei erhielten einen Lehrstuhl.

Trotz unterschiedlicher Organisationsformen und gesamtgesellschaftlicher Zielsetzungen sind Parallelen und Ähnlichkeiten zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Richtung der deutschen Frauenbewegung erkennbar. Sie setzten sich für die politische Gleichberechtigung, für die Forderung nach gleichem Lohn bei gleicher Arbeit, für bessere Arbeitsbedingungen, für den Mutterschutz, für die privatrechtliche Gleichstellung, für gleiche Bildungschancen und für das Recht auf Erwerbsarbeit ein. Die Prioritäten setzten die bürgerliche und die proletarische Frauenbewegung jedoch unterschiedlich. Während sich die bürgerliche Frauenbewegung hauptsächlich in der Bildungsfrage engagierte, konzentrierte die proletarische Frauenbewegung ihre Arbeit auf die Gebiete der Sozialpolitik, des Wahlrechts und der Gewinnung der Massen für die proletarische Bewegung. Auch wenn die Frauen in dieser Epoche formaljuristisch viele wichtige Rechte erhielten, ist dieser Erfolg nicht der organisierten Frauenbewegung allein zuzusprechen. Ursache war auch die sich in immer breiteren Kreisen durchsetzende Idee von Gleichheit, Mündigkeit und Selbstständigkeit der Menschen, ferner unterstützte der Wandel die gesamtpolitische Situation (der Erste Weltkrieg zeigte, wie sehr man auf die Frauen angewiesen war) und schließlich forcierte die wirtschaftliche Entwicklung die Veränderung der sozialen Lage der Frauen (insbesondere der Anstieg von kaufmännischen und Verwaltungstätigkeiten).